Philatelie 2035

(Der nachfolgende Artikel von Manfred Klimmeck wurde in gekürzter Form in der Februar-Ausgabe 2019 der Zeitschrift “Philatelie” veröffentlicht.)

Wo werden Sie sein im Jahr 2035? Schon unter der Erde oder noch in einem der letzten lokalen Briefmarken-Vereine, um alle zwei Monate über alte Zeiten zu plaudern?

Wird es die Philatelie noch geben und wenn ja, gibt es weiterhin zentrale und lokale Vereine, Ausstellungen, Kataloge und Auktionen?

Ich bin nur ein begeisterter Philatelist, der sich Sorgen um die Zukunft macht. Da man in der Gegenwart aktiv werden muss, um die Zukunft zu gestalten, muss man sich trauen, Annahmen unter Untersicherheit zu treffen. Und dies ist möglich.

Da die Entwicklung von Veränderungen in der Technologie und in der Gesellschaft immer schneller, intensiver und nachhaltiger erfolgt, ist es hilfreich, sich die Veränderungen der letzten 27 Jahre anzusehen, um eine Vorstellung über die nächsten 17 Jahre zu erhalten.

1990 gab es noch die UdSSR und Ende 1989 fand erst die Wiedervereinigung Deutschlands statt.

Im Dezember 1990 wurde zum ersten Mal im CERN-Institut das World Wide Web getestet. GPS gab es erst seit 1995 und den Google-Index seit 1996.

Was wird uns in den nächsten 17 Jahren erwarten?

Die Elektronische Datenverarbeitung wird weiterhin rasant voranschreiten. Mindestens 80% des Transportes in Europa wird batteriebetrieben erfolgen. Und 50% hiervon autonom. Der Paketversand wird durch Roboter und Drohnen abgelöst worden sein. Schienengebundener Verkehr sowie „gleichmäßiger“ Verkehr wie Lastwagen und Tanker werden ohne Fahrer auskommen.

Diese extremen Sprünge basieren auf der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, der Kompetenz zur Erkennung und dem Vergleichen von komplexen Mustern, sowie der Möglichkeit von Computer-Programmen, die eigene Lösungskompetenz selbständig zu erweitern.

Virtuelle Führungen durch Museen und Ausstellungen werden ebenso zum unspektakulären Standard gehören, wie der Fortfall einer Tastatur zur Erfassung von Daten und Befehlen.

Es wird noch viel weiter gehen aber bereits diese kurze Prognose zeigt einen Trend, der als gesichert gelten darf.

So weit so gut (oder so schlecht?). Was bedeutet dies nun für die Philatelie, die sammelnden Menschen und deren Umgang miteinander?

Im Jahre 2040 wird es zum 200. Geburtstag der Penny Black noch einmal eine Weltausstellung in London geben auch wenn dies die Organisatoren noch nicht wissen. Dies ist aber eine letzte und einmalige Ausnahme zu diesem ganz besonderen Anlass.

Der Versand von Papierpost wird zum Exoten werden. Das Sammeln einzelner Marken zur Vervollständigung und vor Allem von Neuheiten wird zum Erliegen kommen. In der Vergangenheit war dieser Trend in dieser Rigorosität noch nicht zu beobachten, da es immer noch eine ausreichende Anzahl „analoger“ Sammler gab, die ohne Computer aufgewachsen sind. Im Jahre 2035 ist ein dann 65-Jähriger im Jahre 1970 geboren. Als diese Menschen 15 Jahre alt waren, gab es bereits Personal-Computer (den bekannten Commodore C64 gab es seit 1982). Die Zeit der Ausbildung und der Berufsausübung wurde von der elektronischen Datenverarbeitung geprägt. Ein Interesse an der elterlichen Briefmarkensammlung besteht nicht mehr zur Nachahmung sondern nur noch, wenn ein entsprechender Verkaufswert erwartet wird.

Philatelie wird eine Unterkategorie der Kunsthistorie, eine Sektion in Museen und Antiquariaten  werden. Wenn Briefmarken auf einer Stufe stehen mit Bildern oder Skulpturen ist es nachvollziehbar, dass das Interesse an einem Einzelstück mit entsprechend belegbarer Geschichte steigt, dass Interesse an „Vollständigkeits-Sammlungen“ (Posthistorisch oder Motiv) dagegen sinkt.

Heute benötigen zumindest Prüfer noch vielfältiges Vergleichsmaterial an Besonderheiten, Farbvarianten, Stempelabschlägen, um im direkten Vergleichen die Echtheit erkennen und bestätigen zu können.

Solche Sammlungen von Vergleichsmaterial wird in der Zukunft jeder über das Internet (ggf. kostenpflichtig) zur Verfügung gestellt bekommen.

Über die oben beschriebene Kompetenz zur Mustererkennung, wird mit einem Hand-Scanner und WLAN ein vollständiges Zertifikat in Echtzeit erstellt. Für die Bestimmung der Echtheit wird es keinen Prüfer mehr erfordern. Stattdessen übernimmt er als eine Art Kunsthistoriker die Aufgabe des Grobdesigns der Software. Er gibt somit das Regelwerk vor, welches dann die Software prüft. Wenn bestimmte Stempel nur in Kombination mit bestimmten Farben und Wasserzeichen möglich sind, kann die Software dies nicht autonom wissen.

Alle jemals gescannten Briefmarken werden in gemeinsamen Datenbank systematisch archiviert werden. Bis dahin unbekannte Varianten werden vom System ausgewiesen und ein Prüfer muss dann entscheiden, ob dies eine neue aber gültige Variante oder eine Fälschung ist.

Vollständigkeit ist per Internet gegeben und stellt somit für den einzelnen Sammler kein Ziel mehr dar.

Alle Online-Handelsplattformen, auf denen man heute einzelne Marken im unteren Preis-Segment anbietet oder sucht, werden daher keinen Markt mehr finden.

Die Produktpalette wird sich verschieben hin zu Einzelstücken mit einer Geschichte oder historischen Relevanz. Die philatelistische Kompetenz zeigt sich in der „Deutung“. War dies der erste oder letzte Zeppelin-Flug mit einer speziellen Technologie, einer speziellen Ladung, einem besonderen Ziel etc. Erst- und Letzt-Verwendungen werden gesucht werden, genauso wie Destinationen, Empfänger oder Absender, textliche Inhalte und die Kombination von all dem.

So wie der Trend zum ebook nicht die Liebe einzelner Personen zu besonderen, gebundenen Ausgaben verhindern wird, wird es auch weiterhin „emotional“ begründete Sammelgebiete geben.

Ich bin fest davon überzeugt, dass papierbasierte Heimat-Sammlungen auch In 50 Jahren noch einen Markt haben werden. Als Ausnahme ist dies aber für keinen Anbieter kommerziell von Bedeutung.

Da die Hintergrund-Geschichte den Grund für einen Sammel-Wunsch und somit die Geschäftsgrundlage für alle mit der Philatelie befassten privaten und kommerziellen Organisations-Einheiten darstellt, werden sich hieraus eine Vielzahl von Änderungen ergeben.

Ein Anbieter, der nicht den Markt-Bedarf bedient, wird vom Markt verschwinden. Er muss sich somit rechtzeitig dem geänderten Sammel-Verhaltens anpassen.

Gewinnen werden die Organisationen, die dieses Verhalten als Meinungs-Führer sehr früh adaptieren und den zukünftigen Kunden auf diesem Weg begleiten.

Lokale Vereine wird es weiterhin geben, wenn auch in sehr reduzierter Form und vorwiegend zur Pflege und Bewahrung lokaler Geschichte.

Auf regionaler und überregionaler Ebene wird es nur noch internet-basierte „Vereine“ geben, da nur so eine ausreichende Anzahl von Mitgliedern zusammenkommt. Informations-Austausch, An- und Verkauf sowie die Präsentationen von Exponaten erfolgt in Form von Portalen und Blogs.

Die klassische Vereins-Organisation mit Vorständen, Mitgliedsbeiträgen und Jahreshauptversammlungen wird es nicht mehr geben, da dies keinen Mehrwert generiert.

Das Informations-Angebot wird aber dennoch qualitativ hochwertiger und umfassender sein (Autorensysteme, Online-Datenbanken und mehr). Der Betrieb derartiger Plattformen ist dann technologisch und finanziell nicht mehr von Privat-Personen zu stemmen. Hier wird sehr frühzeitig eine natürliche Selektion stattfinden. Auch wenn die Nutzung solcher Plattformen zwingend kostenlos sein muss, werden die zukünftigen Betreiber hier ein Geschäfts-Modell erkennen und wirtschaftlich höchst profitabel umsetzen können. Die „Währung der Zukunft“ ist die Information über die Interessen und das Such-Verhalten von potenziellen Kunden über welche dann Zielgruppen genau geworben werden kann. Philatelistische Plattformen agieren wie Google oder Amazon.

Hierbei geht es rein um kommerzielle Interessen. Da es keine klassischen Vereine mehr gibt, benötigt man auch keine Verbände. Der aktuell Mehrwert, den diese Organisationen zur Zeit bieten, wie z.B. Fälschungsbekämpfung oder Ausstellungswesen wird durch voraussichtlich kostenlose Apps abgelöst.

Zum Schluss der Versuch eines Ausblickes auf die Zukunft von Briefmarken-Händlern und Auktions-Häusern.

Da sich die „Philatelie der Masse“ mit Analyse und Suche beschäftigen wird und die Vollständigkeit nicht mehr im Vordergrund steht, muss sich auch das Geschäftsmodell der Händler ändern. Die Anzahl von Sammlern pro Quadrat-Kilometer wird auch in Großstädten kein Ladenlokal mehr rechtfertigen. Persönliche Beratung wird von den meisten nicht mehr nachgefragt und Zubehör verkauft sich online. Der Einzelhandel wird verschwinden und der Großhandel auf 2-3 Firmen konzentriert.

Es wird immer einen Markt für Philatelie als Wertanlage geben, der von Auktions-Häusern bedient wird. Ein Auktionshaus, welches ausschließlich philatelistische Produkte anbietet, wird sich aber nicht mehr rechnen. Massenware wird keine Käufer mehr finden. Viele Häuser werden das notwendige Volumen nicht mehr erreichen, um die benötigte Infrastruktur zu erhalten.

Umsätze im oberen Preissegment entstehen durch Vertrauen und erfordern langjährige Kompetenz und Kontakte. Durch diese Markteintrittsbarrieren werden keine neuen Konkurrenten am Markt erscheinen. Der Markt wird sich auf internationaler Ebene konsolidieren.

Für Auktions-Häuser, die sich bereits heute für die Zukunft positionieren, sehe ich noch Chancen, dass sie auch im Jahr 2035 noch existieren. Hierfür sind plakativ gesprochen ein Bündel an Maßnahmen erforderlich. Produkt-, Kunden- und Personal-Struktur müssen bereits für die Zukunft geplant und schrittweise angestrebt werden. Kooperationen mit starken Partnern in den Regionen mit einem steigenden Anteil von wohlhabenden Kunden sind zu praktizieren. Wenn man im Jahre 2035 signifikante und profitable Umsätze erzielen möchte, muss man spätestens 2025 als Partner im jeweiligen Markt akzeptiert sein.

Um die Logistik wie Auktionssaal oder IT-Systeme auszulasten muss ein bestimmtes Volumen tatsächlich verkauft werden. Die abgeschnittene Massenware muss somit durch andere Produktgruppen, wie Uhren, Gemälde und Skulpturen ersetzt werden. Dies geht nur durch Kooperationen.

Zum Abschluss dieser Überlegungen soll noch behandelt werden, wer im Jahr 2035 philatelistische Erzeugnisse aus dem gehobenen Preissegment kaufen und/oder verkaufen wird. Bei gestiegenem Renten-Eintrittsalter wird das Durchschnittsalter der Kunden bei 65 – 85 Jahren liegen. Heute sind diese zukünftigen Kunden somit circa 50 Jahre oder älter und entstammen der oben beschriebenen IT-affinen Commodore 64 – Generation. Wie beschrieben fallen bestimmte Motive für die Beschäftigung mit der Philatelie fort (Streben nach Vollständigkeit, Motive..) und andere Motive treten in den Vordergrund (Social Philately und Geldanlage).

Nur wer über wirtschaftliche Erfolge informiert ist, wird bestrebt sein, selber solche Erfolge zu erzielen. Nur wer die Möglichkeit für eigenen gewinnbringenden Erfolg sieht, wird aus diesem Motiv heraus hochwertige Produkte selber erwerben. Hier ist ein Länderübergreifender Informationsdienst mit Datenbank, Newsletter etc. entsprechend der bewährten Praxis bei Aktionärsbriefen aufzubauen. Man kauft und verkauft beim Marktführer. Aktuell ist diese Position noch nicht besetzt.

Jemand, der heute 50 Jahre alt ist und noch kein Interesse an der Philatelie hatte, wird mit den oben beschriebenen Aktionen kein Kunde werden. Es handelt sich aber hier um die „Generation Google“, die Spaß daran hat, Informationen im Internet zu suchen. Aktuell kann ein Auktionshaus bei dieser Zielgruppe keinen Umsatz mit dem Verkauf von philatelistischen Erzeugnissen generieren. Zum hochwertigen Genuss und somit zur Bereitschaft, für diesen Genuss auch viel Geld auszugeben, gehört ein gewisses Maß an Kompetenz. Dies gilt für die Oper genauso wie für die Philatelie. Die heute 50-jährigen sind die Käufer von morgen. Wenn die heute 70-jährigen keinen Markt zum Verkaufen in 10 Jahren sehen, werden sie heute nicht kaufen.

Damit der gesamte Markt nicht zusammenbricht, ist von essentieller Bedeutung, heute die Käufer von morgen zu generieren. Da, wie beschrieben, die Motivation eine andere ist, muss die Markt-Bearbeitung auch differenziert erfolgen.

Wesentlich ist das Vermitteln von Begeisterung, Erkenntnisse zu erlangen, die die künstliche Intelligenz der Computer noch nicht hat. Der Einstieg erfolgt über Social Philately. Es gibt bereits spezialisierte Fachzeitschriften und Artikel in den Standard-Publikationen weisen auf den besonderen Reiz dieses Gebietes auch für den kleinen Geldbeutel hin.

Man muss allerdings auch zwingend die „noch-nicht-Interessierten“ erreichen. Ansätze wären die Volkshochschule, YouTube und vieles mehr.

Der Charme und Reiz, der der Philatelie heute innewohnt wird in 20 Jahren verloren gegangen sein.

Zusammenhänge im Rahmen von Social Philatelie erkennen und ermitteln ist noch etwas, wo der Computer den Menschen zwar unterstützen aber nicht ersetzen kann.

Es kann somit auch 2035 noch eine philatelistische Zukunft geben; diese hat allerdings mit der Gegenwart oder Vergangenheit sehr wenig zu tun.