Der “alte Kleiderbügel” wird 85

Die Sydney Harbour Bridge – historisch und philatelistisch – höchst interessant

 

 

Der “Kleiderbügel” und die “Muschel” (Opernhaus); das berühmteste Wahrzeichen-Pärchen der Welt.

Immer wenn ich etwas über die Anfänge zur Sydney Harbour Bridge ( „North Shore Bridge“) lese, beeindruckt mich stets aufs Neue der Mut und die Konsequenz in der Umsetzung, die man damals an den Tag gelegt hatte.  In Zeiten weltweiter Rezession wurde hier über viele Jahre hinweg ein Bauwerk mit psychologi-scher Strahlkraft errichtet. So be-nannte man dann dieses „Symbol der Hoffnung“ nicht nur „Coat Hanger“ (Kleiderbügel)  oder „Toaster“ wegen der Form sondern auch „Eiserne Lunge“, da es die Region in schweren Zeiten am Leben hielt.

Die ersten Ideen zu dieser Brücke gab es bereits 1815, d.h. nur wenige Jahre nach der Meuterei auf der Bounty. Francis Greenway (ein in England zum Tode verurteilter Bankrotteur) hatte dies dem amtierenden Gouverneur Macquarie vorge-schlagen. Macquarie hatte neben der Ablehnung diesen Vorschlages eine Reihe weiterer „bemerkenswerter“ Entscheidungen getroffen; so hatte er das Nacktbaden verboten, genau so wie unziemliches Verhalten in den Kneipen.

Die nächsten 100 Jahre gab es viele Architekten-Wettbewerbe, aber erst  in der Ausschreibung des Jahres 1922 war dann auch der Entwurf von John Job Crew Bradfield enthalten, der dem zugeordneten Highway dann den späteren Namen gab.

Es gab verschiedene Entwürfe, mit und ohne die beiden Pylone.

Eine Inspiration für den Sieger-Vorschlag war eindeutig die Hell Gate Bridge.                                   Diese war nahezu baugleich, von den Dimensionen aber erheblich kleiner.

 

Die zwei 154 m hohen granitverkleideten Pfeiler auf jeder Uferseite haben – wie beim kleineren Pendant der Vorlage auch – mit der Standfestigkeit der Brücke nichts zu tun. Sie waren nur dekorative Elemente. Trotz der hohen Kosten (1/6 der Gesamtsumme) hatte man sich für diese „Schmuck-Variante“ entschieden, da die Bevölkerung diese als stabiler erachtete.

Wegen dem Erreichen der Kapazitätsgrenze und den immensen Sanierungskosten der Stahlkonstruktion gibt es zur Zeit wieder ein Konsortium, um die Kosten für einen Neubau zusammen zu bekommen. Mit einer Zustimmung der zuständigen Behörden wird aktuell aber nicht gerechnet.

Es gibt 6 Spuren für den Autoverkehr und 4 Schienenstränge. Ganz außen auf jeder Seite befanden sich die Wege für die Fußgänger.

Der „Bradfield Highway“ ist mit 2,4 km der kürzeste Highway in Australien.

Um die Stabilität der Brücke zu testen, fuhren 92 Dampflokomotive, d.h. die Hälfte des gesamten vorhandenen „Fuhrparks“ als Convoy dicht hintereinander darüber.

Der fast 40.000 Tonnen schwere Bogen der Brücke bestand aus Silikonstahl, vor allem wegen der benötigten Zugfestigkeit.

Darstellung der Bauabschnitte und der “kriechenden Kräne”                                                                      auf Ganzmachen mit Sonderstempel zum 50. Jahrestag

 

Um die letzten Zentimeter final zu verbinden, wurden die kühleren Abendstunden abgewartet. Auf Grund der Temperatur und der damit verbundenen Ausdehnung der Stahlkonstruktion gab es zwischen Sonnenseite und Schattenseite 18 Zentimeter unterschiedliche Länge.

Um dies auszugleichen, enthält die Brücke auch mehr als 100 bewegliche Teile.

Sie wurde nicht verschweißt sondern 1.600 Arbeiter haben 6 Millionen Nieten angebracht.

 

Gemälde von Grace Cossington Smith von 1930,                                                                              welches heute in der National Gallery von Victoria hängt. (Mi 1529, 1996)

 

Auf vielen Ganzsachen kann man die Montage im sogenannten „Freivorbau“ bewundern. Von beiden Ufern aus wurden die Teile (je 650 Tonnen) zur Mitte hin mit Hilfe zweier Spezial-Kräne eingehängt.

Als 1929 die beiden Teile des 504 Meter-Bogens über den Jackson Port verbunden werden sollte, platzte Australiens Kredit (im Oktober gab es den bekannten Wall Street Crash). Zur weiteren Finanzierung wurde dann ein Straßenzoll eingeführt, den es auch heute noch gibt (Maut).

Mit einer maximalen Höhe von 134 Metern ist sie so hoch wie die Pyramide von Gizeh und war zur Bauzeit die größte Bogenbrücke der Welt. Sie blieb dies bis zum Bau der Port Mann Bridge, die 2012 in Vancouver eröffnet wurde.

Schiffe mit einer Höhe von 50 Meter konnten so noch passieren.

Für große Segelschiffe wie die Pamir und selbst für die Replik der Batavia aus dem 16. Jhd. reicht diese Höhe jedoch nicht aus. Hier musste man stets auf niedrigem Wasserstand warten.

Neben der dringend benötigten Arbeit brachte der Bau aber auch viel Leid mit sich. Es wurden über 450 Häuser ohne jegliche Entschädigung abgerissen, um den benötigten Platz zu schaffen.

Die Arbeiten an der Brücke erfolgen zu Bedingungen, die heute nicht mehr tolerabel wären.

Einige sind bei der Arbeit abgestürzt und für für die Angehörigen gab es dann eine bereits vorher exakt festgelegte Entschädigung.

Ohne Lärmschutz wurden viele Arbeiter taub.

Einer der Arbeiter, die diese Brücke mit Schutzfarbe versehen hatten, war Paul Hogan; später bekannt als Crocodile Dundee.

Offiziell wurde die Brücke am 19. März 1932 vom Premier Mr. Jack Lang, eröffnet.

Allerdings  hatte ihm ein berittenen Offizier einer paramilitärischen Organisation die Show gestohlen, indem er mit seinem Säbel das Band trennte, bevor der Premier die Schere einsetzen konnte.

Zu Beginn nutzten nur Pferde-Fuhr-werke diese schnellere Alternative zu den damals üblichen Fähren.  1934 überquerten aber schon ca. 12.000 Fahrzeuge täglich die Brücke und

2013 (n.tv vom 31.7.2013) war dann die Kapazität mit täglich 160.000 Fahrzeugen und 300.000 Fußgängern bereits vollständig ausgeschöpft.

Michel 1318/1319 zur Eröffnung des Hafentunnels

 

Von 1988 – 1992 wurde zur Entlastung der Sydney-Harbour-Tunnel mit einer Länge von 2,8 km gebaut. Er wird von täglich 100.000 Fahrzeugen genutzt.

Die Arbeit des Graveurs der Marken Ronald Harrison basierte nur auf Konstruktions-Zeichnungen und seiner persönlichen Vision da Ende 1930, als er mit seiner Arbeit begann, die Brücke noch gar nicht fertig war.

Das Motiv zeigt den Blick von wo sich heute der Dawes Pt. Park befindet, mit der Durchfahrt der R.M.S. Oxford, eines der größten Passagier-Dampfers, die damals von Australien nach England fuhren.

1932 wurden bereits 5 Tage vor der offiziellen Eröffnung die 3 Werte herausgegeben (2d, 3d, 5/-); alle im Tiefdruck und ohne Wasserzeichen.

Die Wertstufen 2d und 3d entspra-chen den damaligen Gebühren für In- und Ausland. Für die 5/- war keine de-dizierte Verwendung vorgesehen. Sie wurde daher vorwiegend für Pakete, Telegramme und „Bündel-Versand“ eingesetzt.

Die beiden Varianten der 2d (Mi 115 / 116)

 

Da die Tiefdruck-Kapazitäten von Ash begrenzt waren und u.a. Banknoten zugeordnet wurden (eine der bekannten Erklärungen), hatte man sich beim benötigten Rest der 2d für Buchdruck entschieden. Dies ist die einzige Marke aus der Serie mit einem Wasserzeichen.

Das unterschiedliche Druckverfahren für ist am obigen Beispiel auch ohne Lupe am Schlot des Schleppers sowie am Detaillierungs-Grad des Pylons und der linken Seite zu erkennen.

In D. Collyer, R. Peck; Sydney Harbour Bridge; Philatelic and Postal History (1983) findet man alle Details zu Druckverfahren, Plattennummern und -Zusammenstellungen, Perforartion, Gummierung etc.

Für alle 4 Werte (2x2d) gibt es am unteren Rand des Bogens in der Mitte den „Imprint“ des Druckers John Ash.

Für die 2d gab es beim Buchdruck Im Gegensatz zum Tiefdruck je Bogen

zwei Einheiten mit 4×11, die durch einen Gutter Space getrennt sind.

Ash Imprint für 2d mit Zwischensteg 
(Sammlung: Franz Ullmann)

 

 

Von der 5/- wurden erheblich weniger Marken beauftragt, so dass die eine verwendete Platte in 4 Bögen zu je 20 Marken (5×4) aufgeteilt wurde.

Sammlung F. Ullmann

 

Für mich erstaunlich gab es bereits 1932 Fälschungen von der 2d (Typograph mit P11), obwohl dies doch die häufigste und somit preiswerteste Variante war. Vom Graveur Henry S. Elderfield sind 20 Bögen bekannt.

Laut SG ist die Fälschung ungestempelt BPF 700 Wert und somit erheblich teuer als die 5/- (BPF 425). Auf einer Mossgreen Auktion im May 2016 wurde ein gestempeltes Paar von der unteren linken Ecke für A$ 2.500 angesetzt

2d Fälschungen auf Brief haben sehr häufig einen der beiden folgenden Handstempel am oberen linken Rand des Umschlages:

„If not delivered in 7 days please return to T. Mather,

336 Elizabeth St. Sydney NSW

oder

„if not claimed within 7 days

please return to Box1811k G.P.O. Sydney“

In den beiden Pylonen waren die Sonder-Postämter am Eröffnungstag untergebracht (bis heute dienen sie immer noch als Museum und Ausstellung).

Stempel am Eröffnungstag

 

In den folgenden zwei Wochen wurden dort ca. 60.000 Briefe und Postkarten abgewickelt, die dann alle den Stempel trugen „Posted on bridge during opening celebration“

Ein runder Datumstempel (CDS)  „SYDNEY HARBOUR BRIDGE/1“ wurde 1999 bei Sydney Perry zu A$ 1.500 angeboten.

Bei der Public Auction Jul 1999 wurde ein ganz besonderer Ersttagsbrief mit allen vier Marken (2x 2d) zu A$ 1.500 ausgerufen. Der Umschlag enthält eine Abbildung der Brücke  mit Einschreibe-Stempel und runden Datumsstempel von West Australien.

 Das Motiv der Sydney Harbour Bridge befindet sich inzwischen auf 13 unterschiedlichen australischen Marken, wobei man sich bis zur nächsten Marke 47 Jahre Zeit ließ. Eine detaillierte Beschreibung aller dieser Marken findet sich im „The Informer“ vom April 2016.

Ausgaben von anderen Ländern beziehen sich häufig auf Australien allgemein, wobei dann die Abbildung der Brücke nur ein Symbol für Australien darstellt.

 

Am häufigsten erfolgte dies im Zusammenhang mit Briefmarken-Ausstellungen wie die AUSIPEX oder SYDPEX.

Preisbildende Faktoren

Die 5/- scheint nur dafür gemacht worden sein, um ständig verkauft, gekauft und wieder verkauft zu werden. Im Verhältnis zur geringen Auflagen-Höhe von 78.000 ist es wirklich bemerkenswert, wie häufig man diese Marke auf Auktionen angeboten sieht.

Im Vergleich der Michel Kataloge 1997, 2002/2003, und 2016 unterlag der Preis zyklischen Schwankungen:

  • für postfrisch 600€, 400€, 600€
  • für gestempelt 180€, 160€, 300€

In Auktions-Katalogen der letzten 20 Jahre sieht man allerdings, welche Faktoren den Preis beeinflussen.

Die höchsten Preise, umgerechnet auf die einzelne Marke, erzielen 3- oder 6-er Einheiten postfrisch (MUH) mit Ash imprint.

Beispiel: 3-Streifen ** Imprint wurde für A$ 2.000 ausgerufen (eine Einzelmarke ** gab es für A$ 350) und ein 6-Block * Imprint für A$ 4.000. (realisierte Verkaufspreise sind manchmal niedriger)

Bei Robin Linke Jan 2000 wurden 3 einzelne 5/- Marken angeboten mit Darstellung der unterschiedlichen Qualität und der daraus resultierenden unterschiedlichen Ausruf-Preise:

(**) selvedge single A$ 600; * MLH A$ 325; * selvedge single hinge remainder A$ 250

Wesentlich war sicherlich auch die Qualität der Perforation.               =>

 

 

Bei PPA 06/2001 wurde links (**) zu A$ 600 und rechts (*) nur zu A$ 200 angeboten.

 

 

 

 

Es gibt diese 5/- recht selten in tatsächlich postalischer Verwendung und führt in den Katalogen dann meist zum Sonderhinweis: „scare commercial copy“ und zu entsprechenden Preisen.

Eine 5/- mit Gefälligkeits-Stempel CTO unterschied sich vom Ausrufpreis  häufig nicht von einer entsprechend gestempelten Marke ohne Gummi.

Diese CTO-Exemplare („Cancellation to order“) wurden auf Kunden-Wunsch am Schalter gestempelt. Eine postalische Beförderung als Gegenleistung war somit nicht mehr möglich.

Gerade bei der so oft angebotenen 5/- gibt es offensichtlich so viele Einflussfaktoren, dass sich ein fester Algorithmus für die Ermittlung des „fairen“ Preises nicht bestimmen läßt.

Wer nicht als Wertanlage sammelt oder ausstellen will, findet die Marken dann meistens auch preiswerter. Die nächste Auktion kommt und eine 5/- ist bestimmt wieder dabei.

Noch begehrter und somit teurer ist allerdings die 2d in der gefälschten Buchdruck-Version. Laut Stanley Gibbons (Ausgabe 2014) ist die postfrische 2d mit BPF 700 erheblich teuerer als die postfrische 5/-, die bereits für BPF 425 zu haben war.

Sammlung F. Ullmann

 

 

PPA 06/2001; Perforations-Qualität 

bestimmt den Preis

In 15 Jahren feiert dieses tolle Bauwerk dann – hoffentlich – eine 100-Jahr-Feier.

Gerne würde ich jetzt mit anderen ein Projekt beginnen, um dann ein Buch zu diesem Thema zu veröffentlichen oder vielleicht sogar ein Ausstellungsreifes Exponat.

Interessenten wenden sich bitte an den Autor diesen Textes, Manfred Klimmeck (manfred@klimmeck.de), der gleichzeitig Gründer und Leiter der ICSAP (International Collector’s Society of Australasian Philately) ist.

www.icsap.australianstamps.de

Quellen und weiterführende Literatur:

www.harbourbridge.com.au

https://en.wikipedia.org/wiki/Sydney_Harbour_Bridge

The Sydney Harbour Bridge, Peter Luck, (eBook mit interessanten Fotos)

Infos zu den Pylonen und tolle Fotos unter www.pylonlookout.com.au

Das Titelbild ist eine Grafik von Andrea Haase (andreahaase3@web.de)

http://www.andrea-haase.de